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7. Juli 2016

Vom Kunstrasen zur Integration: Bürgerforum zum Thema „Zusammenleben im Stadtteil: Fußball verbindet“

König Fußball hält derzeit Hof in Frankreich. Anlass genug, einmal ausführlich darüber zu reden, welchen Beitrag der Fußball abseits des Rampenlichts von Europameisterschaft und Bundesliga für die Gesellschaft leistet. Zum 14. Bürgerforum „Nord trifft Süd – Dortmund querbeet“ des Planerladens und der Auslandsgesellschaft NRW waren am 29.06.2016 unter dem Motto „Fußball verbindet“ Vertreter von vier sehr unterschiedlichen Dortmunder Fußballvereinen aus vier Stadtteilen geladen: ISC Viktoria Kirchderne (Scharnhorst), Türkspor Dortmund 2000 (Nordstadt), VfR Sölde (Aplerbeck) und DJK Eintracht Dorstfeld (Weststadt) berichteten ausführlich von ihrem Engagement und aus dem Vereinsleben.

Moderator Kay Bandermann bat zunächst Herrn Hasan Çağlıkalp und Herrn Lybecait vom Blindenfußballverein ISC Viktoria Kirchderne auf das Podium. Herr Çağlıkalp, Gründer und Vorsitzender des 2005 ins Leben gerufenen Vereins, erläuterte dem Publikum die Geschichte der in Deutschland noch sehr jungen Sportart. Blindenfußball wird auf einem kleinen Platz mit Toren und Banden gespielt. Für ein Spiel benötigt man einen hörbaren („rasselnden“) Ball, vier Feldspieler, einen Torwart, Schiedsrichter und sogenannte Rufer. Während bei den vier Feldspielern mit Verdunklungsbrillen sichergestellt wird, dass sie nichts sehen, sind Schiedsrichter, Torwarte und Rufer Sehende. Den Rufern kommt eine besondere Aufgabe zu, denn sie müssen mit speziellen Kommandos die Spieler der eigenen Mannschaft dirigieren. 

Der Verein hat als einziger bundesweit einen Blindenfußballplatz mit Kunstrasen. Trotzdem sei es nicht ganz leicht, da die Spieler des Vereins über ganz Deutschland verstreut sind, so Çağlıkalp. Herr Lybecait, einer der Betreuer im Verein, war vor fünf Jahren dazu gestoßen. „Ich wurde einmal eingeladen und bin von der Stimmung einfach begeistert gewesen.“ So lautete dann auch der Schlusssatz des Vereinsvorsitzenden: „Mir und dem Verein liegt vor allem das Mitmenschliche am Herzen!“ Er ist seit 22 Jahren engagiert und wird sich weiterhin aktiv einbringen.

Ufuk Eren berichtete über sein Engagement beim Verein Türkspor Dortmund 2000. Sein Engagement für den Verein und für die Menschen in seinem sozialen Umfeld wurde vor allem durch seine Mutter in die Wiege gelegt. Im Vordergrund steht für ihn natürlich der Fußball, denn er verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Der Verein musste leider in den letzten Jahren viele starke Spieler ziehen lassen, da sie keinen Kunstrasenplatz haben und die Anlagen in einem schlechten Zustand sind und bisher leider nicht berücksichtigt wurden, trotz der seit längerem gestellten Anträge, Einschalten der Presse und Besuche der Bezirksvertretung. „Im Winter mussten die Mädchen sogar mit kaltem Wasser duschen.“ In diesem Jahr hat die Stadt dem Verein neue Kabinen und ein Kunstrasenplatz zugesichert, jetzt wartet der Verein nur noch auf ein Startsignal.

Der Verein arbeitet auch mit Geflüchteten zusammen, die Ufuk Eren lieber die „neuen Freunde“ nennt. Wichtig für ihn ist ein guter Umgang auf Augenhöhe. Integration bedeutet nicht nur die Sprache oder die Normen zu kennen und zu beherrschen, sondern auch das Miteinander  zu pflegen und zueinander menschlich zu sein.

Sigfried Müller vom VfR Sölde, den alle Siggi nennen, ist ein Dortmunder Urgestein und Integrationsbeauftragter des Vereins. Im Verein spielen viele Jugendliche unterschiedlichster Herkunft. Dass sie mitspielen, hängt mit einem besonderen Projekt zusammen – Siggi Müller hat es mit Michael Peschke aus der Taufe gehoben: Einem Integrationsprojekt, durch das der Landessportbund 2013 den VfR Sölde als "Anerkannten Stützpunktverein Integration durch Sport" auszeichnete. Dies habe eine Flut an Sponsoren-Anfragen zur Folge gehabt, so Müller. Aus eigener Kraft investierte der Verein in den Platz und die Anlagen, strukturierte sich um, nahm Kontakt mit Schulen aus der Nordstadt auf. Ziel war es, alle Spielklassen zu besetzen und eine erfolgreiche erste Mannschaft aufzustellen, was wiederrum den anderen Mannschaften zu Gute käme.

Der Einsatz zahlte sich aus, denn der Verein entwickelte sich weiter. Aber auch die Jugendlichen, die man erstmal mit der Bahn aus dem Norden abholen musste, profitierten: Ihre deutschen Sprachkenntnisse und Schulleistungen besserten sich. Als Beleg hatte er Imad Chokri, den 16-jährigen Jugendspieler im Verein mitgebracht, der erst seit vier Jahren in Deutschland wohnt, aber bereits jetzt in akzentfreiem Deutsch kundtat: „Ich will einmal Polizist oder Zollbeamter werden!“

Nun kümmern sich 18 Trainer und Betreuer um die 200 fußballbegeisterten Kinder und Jugendlichen. Ihre Arbeit ist ehrenamtlich. Genauso wie die von Michael Peschke und Siggi Müller. 300 Mitglieder zählt der Verein insgesamt. „Wenn nur die Bürokratie nicht wäre, könnten wir noch viel mehr tun!“, so Müller.

Reinhold Klüh, 1. Vorsitzender des DJK Eintracht Dorstfeld, erklärte, dass in seinem Verein nicht nur der sportliche Aspekt wichtig sei, sondern auch die Weltoffenheit und das Miteinander. Anlass war die Gründung eines Runden Tisches gegen Rechts im Stadtteil, dem man sich anschloss.  Uwe Wessing, Leiter der Jugendabteilung, betonte die große Bereitschaft der Ehrenamtlichen, darunter mittlerweile auch viele Migranten. Seither lernen die Menschen sich besser kennen, wollen mehr voneinander erfahren und achten bei Festen darauf, dass für jeden Gaumen etwas dabei ist.

Zum Abschluss jeder Runde hatte Herr Bandermann die Podiumsgäste noch nach ihrem EM-Endspieltipp gefragt. Als beliebteste Finalpaarung deutete sich Deutschland gegen Frankreich an. „Geht nicht!“, schallte es da aus dem Publikum. Aber das schien die Podiumsteilnehmer nicht sonderlich zu stören. Warum sich nicht auch das Unmögliche einfach mal zu wünschen?
Anschließend wurde am Büffet noch bis in den späten Abend diskutiert und die Kontakte vertieft.

Zur Veranstaltungsreihe „Nord trifft Süd – Dortmund querbeet“:
Seit Oktober 2011 führt der Planerladen e.V. mit der Auslandsgesellschaft NRW die Veranstaltungsreihe Bürgerforum "Nord trifft Süd" durch. Das Bürgerforum wurde im April 2015 konzeptionell erweitert und ist nun Teil des Projekts der Nationalen Stadtentwicklungspolitik: Dortmund all inclusive. Der Name des  Bürgerforums heißt jetzt Bürgerforum „Nord trifft Süd – Dortmund querbeet“. Es wird unterstützt von MIA-DO-Kommunales Integrationszentrum Dortmund.