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20. Januar 2014

Europa erfindet die „Zigeuner“ - Großes Interesse an der Lesung mit Prof. Bogdal

Mehr als 100 Interessierte nahmen an der Lesung am 16.01.2014 mit Prof. Klaus-Michael Bogdal in der Auslandsgesellschaft NRW zu dem Thema „Europa erfindet die Zigeuner – Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ teil.

Die Lesung mit Prof. Bogdal ist eine Kooperation des Planerladen e.V., der Auslandsgesellschaft NRW e.V. und des bodo e.V., die seit über drei Jahren aktiv betrieben wird. In diesem Rahmen werden Themen aufgegriffen, die die Dortmunder Nordstadt bewegen. Ziel ist es vertiefende Informationen einzuholen, aber auch eine Plattform für Austausch und Dialog zu bieten. 

Ein nach wie vor hochaktuelles Thema  ist die Zuwanderung aus Südosteuropa. In Dortmund leben viele Roma und Sinti, die die Stadt vor neue Herausforderungen stellen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Zuwanderung verläuft nicht immer unvoreingenommen. Während auf kommunaler Ebene Städte wie Dortmund und Duisburg auf eine finanzielle Lösung drängen, um den Zuwanderern helfen zu können, sind die vielerorts zu vernehmenden alarmistischen Abwehrreflexe noch längst nicht überwunden. 

Das Buch „Europa erfindet die Zigeuner“, an dem Prof. Bogdal 20 Jahre lang gearbeitet hat, versucht nicht zu erklären, wer die Roma und Sinti sind, sondern listet die Konstruktionen des Fremdbildes in der Literatur über sie auf, also auch die nicht vorurteilsfreie Sicht über die Roma und Sinti in Deutschland. Dafür hat Prof. Bogdal den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. 

Prof. Bogdal ist Literaturwissenschaftler und lehrt an der Universität Bielefeld Germanistik. In seinem Buch zeichnet er die Geschichte und Darstellung der Roma und Sinti in der europäischen Geschichte, Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute nach.  So las der Literaturwissenschaftler aus jahrhundertalten Quellen (z.B. Stadt-Chroniken) vor, die von den ersten Begegnungen mit den Zuwanderern aus dem Osten berichten. 

Die Europäer suchten stets die großmöglichste Distanz. Keine der unterschiedlichsten Gesellschafts- und Machtordnungen, in denen die Roma und Sinti lebten, ließ und lässt eine endgültige Ankunft in Europa zu. Ohne einen schützenden Ort waren die „Romvölker“, der von Prof. Bogdal bevorzugte Begriff, seit ihrer Einwanderung ständigen Verfolgungen ausgesetzt. 

Prof. Bogdal betonte, „dass die Chronisten keine Augenzeugen waren, sondern aufschrieben, was ihnen berichtet wurde“. Eine Illustration des Schweizer Chronisten Johannes Stumpfs aus dem Jahr 1538 beschreibt die „Zigeuner“ noch als reiche Gruppe, die aus Ägypten (aus dem sich das engl.  „gypsy“ ableitete) verstoßen wurden. Die späteren Zuschreibungen fallen negativer aus, die Zugewanderten werden u.a. als osmanische Späher und Spione oder als Verstoßene beschrieben, die der heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten die Beherbergung verweigerten. Die Ächtung und Ausgrenzung der Roma und Sinti zieht sich über die Jahrhunderte, auch in der Literatur, so zum Beispiel im Buch „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo, in der er die Diskriminierung der Roma aufgreift und ausführt.   

Die heutige Diskussion über die Zuwanderung aus Südosteuropa führt diese diskriminierende Tradition der Zuschreibungen zum Teil fort. In Erinnerung ist der Fall des „blonden Kindes“ einer Romafamilie in Griechenland. Der Fall hatte Ende 2013 weltweit für Schlagzeilen gesorgt, weil Behörden und Medien davon ausgingen, dass es sich um Kindesentführung und Menschenhandel handeln müsste, bis sich herausstellte, dass das Kind selbst eine Roma ist. 

Prof. Bogdal betonte im Gespräch mit den Zuhörern, dass die Auseinandersetzung mit den Zerrbildern über die Roma auch zur Selbstbeobachtung diene. Wirkliche Veränderung der gesellschaftlichen Zustände der Roma in Europa und Deutschland setzt eine Verbesserung der rechtlichen Verhältnisse, der sozialen Lage und der kulturellen Verständigung voraus. Die Roma dürfen nicht als Fremde und als eine Bedrohung wahrgenommen werden.