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8. November 2011

Ergebnisse der 11. Mehrthemenbefragung 2010 des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung

Die Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung hat die Ergebnisse der elften Mehrthemenbefragung zu Partizipation und Engagement türkeistämmiger Migranten in NRW veröffentlicht. Mit der Mehrthemenbefragung können Aussagen über das subjektive Empfinden und das Stimmungsbild der türkeistämmigen Migranten getroffen werden.

Die Mehrthemenbefragung zeigt ein erhebliches Maß an erbrachter Integrationsleistung. Von gescheiterter Integration, zunehmender und gewollter Abschottung oder verbreiteter Integrationsunwilligkeit kann nach den Ergebnissen der aktuellen Studie nicht gesprochen werden, auch wenn im Bereich der kognitiven und strukturellen Integration noch erhebliche Defizite im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung bestehen und auch bezüglich der identifikativen Orientierung und der gesellschaftlichen Anbindung an die Mehrheitsgesellschaft sich Anknüpfungspunkte zur Verbesserung finden lassen. Doch insgesamt zeigen alle untersuchten Bereiche im längerfristigen Zeitvergleich Tendenzen einer - manchmal zaghaften – positiven Entwicklung.

Bei der Betrachtung der parallelgesellschaftlichen Strukturen ergibt der Zeitvergleich zwischen 2001 und 2010 keine eindeutige Tendenz einer Zunahme segregierter türkeistämmiger Migranten, auch wenn der Anteil der Segregierten wieder leicht angestiegen ist (er pendelt zwischen 14% und 19%). Weiterhin hat mehr als die Hälfte der befragten Migranten konkrete Bleibeabsichten (56%). Zwischen den Generationen sind offensichtliche Unterschiede bzgl. der Integration festzustellen: Im Vergleich zur ersten Generation (nur noch rd. 13% der erwachsenen Türkeistämmigen) partizipiert die Nachfolgegeneration (ca. 50%) weitaus besser in allen Bereichen (höhere Schul- und Ausbildungsabschlüsse, bessere Deutschkenntnisse, höhere berufliche Positionen, stärkere Identifikation mit Deutschland, häufigere Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft, seltener segregiert).

Ergebnisse der Studie für den Bereich Wohnen:

  • wohnräumliche Segregation: hier ist kein eindeutiger Trend festzustellen in Richtung Konzentration bzw. Entflechtung; weiterhin lebt ein Fünftel der Befragten überwiegend in türkisch geprägten und damit ethnisch verdichteten Stadtteilen, wobei die Koloniebildung nicht immer selbst gewählt scheint; der Anteil der nicht segregiert lebenden Türkeistämmigen bleibt konstant bei drei Viertel
  • ethnische Zusammensetzung der Wohngegend, kaum Veränderungen: überwiegend Deutsche: 56,6 % (2009: 56,5%), Deutsche und Türken gleichermaßen: 19,6% (2009: 19,8%), überwiegend Türken: 20,0 (2009: 18,4%), überwiegend andere Zuwanderer: 3,8% (2009: 5,0% (-> Grafik „Ethnische Zusammensetzung der Wohngegend 1999 bis 2010“)
  • Zufriedenheit mit den Wohnverhältnissen: weiterhin ist zu beobachten, dass Befragte, die in deutschgeprägten Vierteln wohnen, zufriedener sind und häufiger über Wohneigentum verfügen; hinzu kommt, dass ethnische Kolonien häufig in von niedriger Wohnqualität gekennzeichneten Stadtteilen liegen; das lässt vermuten, dass es sich nicht immer um freiwillige Segregation handelt. In türkischen Kolonien ist wie im Vorjahr der Anteil an Miethaushalten wesentlich (61%) höher als in von Deutschen dominierten Quartieren (49%); dort steigt auch der Eigentumsanteil unter den Befragten. Die Kontakte zur deutschen Nachbarschaft sind naturgemäß in deutschen Wohngegenden stärker ausgeprägt. Zugleich ist jedoch der Wunsch nach mehr Kontakten zu Deutschen nach Wohngegend relativ gleich stark (-> Grafik „Ethnische Zusammensetzung der Wohngegend nach Zufriedenheit mit den Wohnverhältnissen und dem sozialen Umfeld“)
  • Diskriminierungserfahrungen: 81% der Befragten haben im alltäglichen Leben die Erfahrung ungleicher Behandlung gemacht (2009: Tiefststand bei 67%); das ist der höchste gemessene Wert im Zeitvergleich seit 2001. Ungleichbehandlungen bei der Wohnungssuche sind immer noch der am dritthäufigsten genannte Lebensbereich; sie erfolgen auf sehr hohem Niveau und sind analog zur allgemeinen Wahrnehmung ebenfalls deutlich gestiegen (47% (2009: 39%); v.a. Befragte der Altersgruppe 30-44 Jahre nehmen vermehrt Ungleichbehandlung wahr; ein Drittel (2009 ein Viertel) gibt an, in der Nachbarschaft Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben. (-> Grafik „Diskriminierungserfahrungen 2001 bis 2010“ / -> Grafik „Diskriminierungserfahrungen in verschiedenen Lebensbereichen“)

    Steht eine geänderte Sensibilisierung oder Empfindlichkeit der Migranten hinter diesen Veränderungen der Diskriminierungswahrnehmung oder hat sich das Maß der tatsächlichen Ungleichbehandlung geändert? Darauf findet die Studie keine Antwort. Die Zeitreihe spiegelt aber deutlich die Schwankungen des allgemeinen Klimas und der politischen und öffentlichen Debatten zum Thema Integration wider. Die durch das von Thilo Sarrazin veröffentlichte Buch ausgelöste Integrationsdebatte hat sicherlich auch zu dem erhöhten Wert der Diskriminierungswahrnehmung 2010 beigetragen
  • Wohnsituation: Mietwohnung: 54% (2008: 52%), Miete im EFH: 9% (11%), Eigenheim: 23% (22%), Eigentumswohnung: 14% (15%) – somit verfügen 37% der türkischen Familien über Wohneigentum (D: 52%, Mikrozensus 2006)
  • der Anteil an Wohneigentum ist gegenüber dem Vorjahr konstant bei 37% geblieben (1999: 14%) und steht für eine zunehmende Orientierung auf Deutschland als dauerhafte Heimat; der Anteil der Kaufwilligen, der seit 2002 kontinuierlich und deutlich gesunken ist, ist nach einem leichten Anstieg im Jahr 2009 auf 37% nun zwar wieder auf 28% gesunken, aber werden diese Absichten umgesetzt, kommt es zu einer weiteren Steigerung der türkeistämmigen Eigentümer (-> Grafik „Wohnsituation 1999 bis 2010“)
  • Wohnfläche pro Kopf: hier besteht bei den türkeistämmigen Migranten noch Aufholbedarf (25 vs. 38 qm Wfl./Kopf)
  • nach gesunkener Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbedingungen im Jahr 2009 sind die Werte nun wieder angestiegen: v.a. die Bereiche Wohnen (83%, +7%-Punkte) und soziales Umfeld (82%, +9%-Punkte) werden im Gegensatz zu Berufschancen (68%, +3%-Punkte) und Ausbildungsangeboten (53%, +1%-Punkt) als zufriedenstellender eingeschätzt (-> Grafik „Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbedingungen 1999 bis 2010“)
  • Kontakte zu Deutschen: 95% der Befragten haben Kontakte zu Deutschen in mindestens einem der vier abgefragten Lebensbereiche, die über Grußkontakte hinausgehen. Am häufigsten findet der Kontakt im Bekanntenkreis (84%) und in der Nachbarschaft (83%) statt; hier sind die Kontakte im Zeitvergleich auch sehr stabil und haben sich in den letzten 11 Jahren nur wenig verändert, und wenn, dann steigend. Von einem Rückzug oder einer zunehmenden Abschottung kann hier also keineswegs gesprochen werden (-> Grafik „Kontakte zu Deutschen in verschiedenen Lebensbereichen 1999 bis 2010“)


Ein Download der Studie steht auf der Website der Stiftung Zentrum für Türkeistudien zur Verfügung.